Interviews – warum?

Es gibt so viele tolle Menschen, die viel bewegen. Im Kleinen wie im Großen. Durch warmherzige Gedanken, witzige Ideen oder berührende Taten. Egal ob miniwinzig oder supermutig. Geschichten, die interessant sind, die gerne gelesen werden, Aktionen, die Impulse geben und Lust machen, ebenfalls etwas auf die Beine zu stellen. Darüber möchten wir schreiben und Euch einladen, dabei zu sein. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Lesen und fragen:

Möchtest Du unser nächste(r) Interview-Partnerin/Partner sein? Dann melde Dich gerne. Wir freuen uns auf Dich.

Ole Hengelbrock

Ole Hengelbrock ist unser erster Interviewpartner. Wir danken Ole, dass er sich die Zeit genommen hat, um unsere Fragen so ausführlich zu beantworten.  Ole unterstützt als  Koordinator und Sozialarbeiter verschiedene Hilfsorganisationen bei ihren Einsätzen in Krisen- und Kriegsgebiete. Augenblicklich befindet er sich in Hargeisa in Somalia. Er arbeitet dort für Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V. Zwischen seinen Einsätzen studierte Ole in Groningen und Warschau.  Seinen Europäischen Masterabschluss in dem Fach Humanitäre Hilfe konnte er im Dezember 2016 erwerben.

Ole, was ist die Botschaft Deines Kinder- und Jugendbuches „Von der Sonne geküsst?“

Du bist schön! Das darfst du zu dir selber und anderen sagen.

Du siehst Schönes und Trauriges, erlebst Ungerechtigkeiten und Momente voller Glück, wie gehst Du mit so unterschiedlichen Erlebnissen und Gefühlen um?

Zunächst einmal, alle Menschen sehen Schönes und Trauriges, erleben  Ungerechtigkeiten und Glück. Ob nun in Sierra Leone, Deutschland oder sonst wo. Wichtig ist zu begreifen, dass man solche Empfindungen nicht aufwiegen kann.  Oft treffe ich auf Menschen die sagen, „ich traue dir gar nicht davon zu erzählen, meine Probleme sind doch lächerlich im Vergleich zu dem was du gesehen hast.“ Natürlich gibt es essentiellere Probleme als jene mit denen wir in Deutschland konfrontiert werden.  Es ist etwas anderes von der Hand in den Mund zu leben als in einem Sozialstaat kein Einkommen zu haben. Dennoch, jeder hat seine persönlichen Empfindungen. Diesbezüglich gibt es einen passenden Satz von Janusz Korczak: „Alle Tränen sind salzig, wer das begreift, kann Kinder erziehen, wer das nicht begreift, kann sie nicht erziehen.“ Dies reflektiert den kindlichen Egozentrismus: Die Sonne scheint, weil ich heute schwimmen gehen will. Solch ein Selbstbezug lässt Kinder manche Situationen wie Tragödien erscheinen, die Erwachsene eher banal abtun: Ist doch nicht so schlimm, das war doch nur ein Spielzeug. Mit zunehmenden Erfahrungen löst sich dieser Egozentrismus, aber einen gewissen Selbstbezug werden wir als Personen immer haben. Deswegen kann man Erlebnisse und Gefühle nicht aufwiegen. Sie haben sozusagen eine subjektiv wahrgenommen Schwere die sich nie ganz relativieren lässt. Der Punkt ist, wir sollten Erlebnisse und Gefühle unserer Mitmenschen wahr- und ernstnehmen.

Nun, wie ich mit so unterschiedlichen Erlebnissen und Gefühlen umgehe? In den vergangenen Jahren durfte ich einige Plätze dieser Erde sehen und bin vielen Menschen begegnet, die mich an ihrer persönlichen Lebenswelt teilhaben ließen. Leider waren es oft keine Reisen als Besucher, sondern Hilfseinsätze aufgrund einer Notlage. Da waren Kinder die ihre Eltern verloren haben in Ruanda, Menschen mit Behinderungen in Moldawien und Rumänien, Kriegsvertriebene Syrer und aufnehmende Nachbarn im Libanon, Straßenkinder und von Ebola betroffene Menschen in Sierra Leone, vom Krieg heimgesuchte Menschen in der Ost-Ukraine, Vertriebene und Asyl-Suchende auf der West-Balkanroute im serbisch-mazedonischen Grenzgebiet sowie Menschen in Somaliland die durch chronische Dürre ihre Tierherden und somit ihre Lebensgrundlage verloren haben und von Hungersnot bedroht sind. Die Gegenwart in solchen Situationen wühlt etwas auf, das einen manchmal nicht schlafen lässt. Der Kopf und das Herz bewegen sich viel, wenn man notleidende Menschen sieht, die sich kaum noch auf den Beinen halten können und vieles zurücklassen mussten. Man versucht sich die Situation rational vorzustellen. Was mag es bedeuten sein vorigeres Leben, die Familie, das Haus, die Arbeit, durch Krieg zu verlieren? Was mag es bedeuten nach Hilfe zu fragen und sie nicht zu bekommen? Um ehrlich zu sein, manche Erlebnisse sind nicht zu begreifen. Zum Beispiel, die Folgen und Auswirkungen von Krieg können nicht rationalisiert werden, weil es ein unmenschlicher Akt ist. Die Flucht vor Krieg bleibt außerhalb unserer Vorstellungskraft und folglich unverständlich. Wir haben es selbst nicht erleben müssen und können es mit bloßem Verstand nicht erfassen, trotzdem sehen wir andere Menschen in dieser Situation. Diese Ambivalenz ist kaum auszuhalten. Man sucht nach Gründen und Erklärungen um nicht in leere Gedanken zu fallen, aber am Ende finden Kopf und Herz in solch Situationen keine Rast.

Dennoch, wenn mir eine schlimme Geschichte in den Sinn kommt, fallen mir sofort zwei wunderschöne Geschichten ein. Diese handeln von aufopferungsvollen Menschen, geteilte Liebe, ernstgemeintes Miteinander, Wunder und Hoffnung. Wahrnehmung und Reflexion sind hier zentral. Fokussieren wir nur den Krach der Bedrückung, oder hören wir auch die Melodie des Glücks? Die Band Ton, Steine, Scherben sang einmal Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten. Es stellt sich die Frage: Blicken wir in die Tiefe der Nacht oder wenden wir uns dem naheliegenden Tag zu? Die Antwort ist eine Entscheidung, die jeder Mensch für sich treffen kann. Das beschreibt auch Viktor Frankl in seinen Holocaust Memoiren: „Alles kann man einem Menschen nehmen, außer seine letzte Freiheit: in jeder Situation seine Einstellung zu wählen!“ Nochmal, in jeder Situation seine Einstellung zu wählen…

So empfinde ich die Erfahrungen und Begegnungen als etwas Positives. In den Einsätzen durfte ich neben den Schrecken auch die Schönheit der Menschen erkennen. Das lässt mich jeden Tag lächeln. Ich fühle mich beschenkt und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal schlechte Laune hatte. Dafür bin ich den Menschen sehr dankbar. Darüber hinaus durfte ich Demut lernen, die ich als ein warmes Gefühl der Wertschätzung empfinde.

Was glaubst Du, verbindet Kinder weltweit?

Die Fähigkeit an Wunder zu glauben; somit auch die Möglichkeit Wunder zuzulassen und entstehen zu lassen.

Gibt es etwas, was Du Kindern sagen möchtest?

Ich höre ihnen gerne zu. Es scheint als sehen nur sie die Welt so, wie sie wirklich ist. Ich würde ihnen gerne sagen, dass kein Flugzeug je einen Schmetterling einholt.

Hast Du einen Rat, wie man mit Vorurteilen umgehen kann?

Zunächst, Vorurteile sind nicht sofort etwas Schlechtes. Wir sollten diesen Begriff nicht dämonisieren. Im Gegenteil, man kann Vorurteile auch positiv mit Intuition übersetzen. Das berühmte erste Gefühl ist sehr wertvoll. Es gibt erste Einschätzungen über eine Situation und lässt uns Dinge erahnen um dann agieren zu können statt reagieren zu müssen. Diese Feinheit sollten wir nicht verlieren. Problematisch wird es, wenn diese Feinheit starr ist; wenn also das erste Gefühl, die Intuition, die Vorurteile final sind und keinen Raum für Veränderungen zulassen. Man sollte sich bewusst machen, dass wir Menschen fehlbar sind, also unsere Urteile keinen universellen Wahrheitsanspruch haben. Man kann richtig liegen, doch der Raum sich zu Irren ist groß. Wieder fällt der Begriff Reflexion. Wer sich hinterfragt, und wenn nötig in seinen Urteilen korrigiert beweist Charakter. Starrheit ist Schwäche – Feinheit ist Stärke.

Grundlegend ist Zuhören, ich meine wirkliches aktives Zuhören. Den anderen aussprechen lassen, ihn durch Gestik und Mimik zum Erklären einladen, das Gesagte zusammenfassen und fragen ob man es richtig verstanden hat.  Das ist leider ein großes Defizit in unserem Leben. Wir verwechseln Stille mit Schwäche. Wir haben Angst, dass still sein mit Zustimmung verstanden wird. Deswegen unterbrechen wir einander, protestieren mit abweisender Körperhaltung und schmettern Gegenargumente. Still sein und zuzuhören bedeutet jedoch nicht den Argumenten des Anderen zuzustimmen geschweige denn in der Diskussion unterlegen zu sein. Im Gegenteil, es bedeutet den Anderen verstehen zu wollen in seiner Argumentationsweise und in seiner Sicht auf die Welt.  Das ist einer der ersten Schritte lösungsorientierten Handelns.

Ich denke, man muss sich Dinge anhören die man als Vorurteile wahrnimmt. Am Ende muss aber die Frage „warum“ stehen. Warum denkst du so? Wie kommst du zu diesem Schluss? ... So gewinnt man Einblick in die Gründe des Anderen. Wer weiß, vielleicht wird eine neue Perspektive eröffnet und das eigene Urteil muss hinterfragt werden - oder aber, man versteht woher diese Vorurteile kommen und kann auf die Ursachen eingehen.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft? Ganz allgemein und auch persönlich?

Ich wünsche den Menschen viel Gesundheit, Frieden ihren Häusern und Hütten, Möglichkeiten in der Kirche zu lachen, Apfelbäume zum klettern, Mitmenschen die einem Brote schmieren, Zeit zum Atmen  und, dass wir das Gute mehr lieben als das Schlechte hassen.